Ethik ohne Dogmen
Die zehn Angebote des evolutionären Humanismus
(Originalfassung)
Dieser Text wurde übernommen von der Giordano Bruno Stiftung, deutsche Partnerorganisation von AHA Lëtzebuerg.
Vorbemerkung: Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.
1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!
2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.
3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht, sondern Lachsalven auslösen.
4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.
5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.
6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.
7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.
8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.
9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!
10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!
Quelle: Michael Schmidt-Salomon (2005) Manifest des Evolutionären Humanismus. Alibri Verlag, Aschaffenburg.
Humanistisch-atheistische Ethik
„Ohne Gott gibt es keine Moral!“ Seitens selbsternannter Moralapostel aller Weltreligionen wird dieser Slogan seit jeher gebetsmühlenartig als nicht hinterfragbare Gesetzmäßigkeit in die Köpfe der Menschen eingehämmert. Als vermeintliche Beweise für diese These werden Leid und Schrecken aufgeführt, welche beispielsweise die nationalsozialistischen und stalinistischen Terrorregime des letzten Jahrhunderts über die Menschheit gebracht haben. Schuld sei die „Gottlosigkeit“ dieser Ideologien gewesen, ihr Atheismus. Bewusst außer Acht gelassen wird dabei aber, dass der vermeintliche Atheismus der Führungspersonen dieser Ideologien mit deren Unmenschlichkeit in etwa genau so wenig zu tun haben wie ihre Schnurrbärte. Nicht der Atheismus, sondern der Stalinismus war für die Schrecken verantwortlich, und auch nicht der Atheismus, sondern der Nationalsozialismus. Dabei sei anzumerken, dass sich Hitler als gläubiger Christ verstand und die katholische Kirche mit dem Naziregime kooperierte.
Atheismus hat noch keinem Menschen etwas zu Leide getan. Wie könnte er auch, schließlich besagt er lediglich, dass es mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit keine Götter gibt. Die Religionen hingegen haben die Menschen seit jeher aufgrund von märchenhafter Wahrheitsempfindungen gespalten und gegeneinander aufgehetzt. Obgleich es sicherlich sehr viele religiöse Menschen gab und gibt, denen gute Absichten zugesprochen werden müssen, wurde im Namen der Religion und seitens religiöser Institutionen, allen voran der katholischen Kirche, Unterdrückung, Verfolgung, Misshandlung, Folter und Massenmord systematisch und in unfassbaren Ausmaßen angeordnet und ausgeführt. Dies zum Teil auf der Grundlage derselben religiösen Texte und Dogmen, die Kindern heute im Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als Quelle für "Moral" vermittelt werden. Religion hat die Menschheit noch nie weitergebracht; im Gegenteil, wissenschaftliche, zivilisatorische und ethische Fortschritte mussten im Laufe der letzten zwei Jahrtausende stets gegen den Willen der Religionen durchgesetzt werden.
Neben diesen Defiziten disqualifiziert sich die Religion vor allem auf Grund ihrer elementarsten Aussagen als mögliche Quelle für Ethik. Diese Aussagen bestehen in ihrer Jenseitslastigkeit: wünschenswerte Wertvorstellungen, eben solche, die ein Leben in Würde ermöglichen, können nicht aus dem erkenntnisfernen Bereich von Glaubensvorstellungen und religiöser Märchen abgeleitet werden, sondern bedürfen einer Ableitung aus jenem Subjekt, für das sie gelten sollen. In anderen Worten: gültige und dem Menschen dienliche Werte können nur aus dem Wesen des Menschen selbst abgeleitet werden und nicht aus dem Wesen religiöser Phantasieprodukte.
Im Gegensatz zu religiösen Wertvorstellung, die jeweils aus unterschiedlichen, konkurrierenden religiösen Überzeugungen abgeleitet werden, sind einzig und alleine Wertvorstellungen auf der Grundlage eines naturwissenschaftlichen Menschenbildes dazu in der Lage, die menschlichen Bedürfnisse in ihrer Wirklichkeit zu erfassen, ihnen dienlich zu sein, den menschlichen Ansprüchen auf Selbstbestimmung und Gerechtigkeit nachzukommen und somit die Gesellschaft im Inneren zusammen zu halten.
Deshalb sollten wir auf unsere Vernunft hören und nicht auf die phantastische Stimmen diffuser Göttervorstellungen! Mit Vernunft nämlich können wir das menschliche Wesen erfassen, mit Vernunft vermögen wir aus diesem Wesen Wertvorstellungen abzuleiten, und mit Vernunft sind wir in der Lage, diesen Werten zu folgen.
Ein Weltbild, das diese Philosophie umrahmt, kennt zwei symbiotische Komponenten:
1. Ein naturwissenschaftlich begründeter Atheismus bzw. Agnostizismus, der religiöse Märchen entzaubert und Dogmen demontiert;
2. Ein darauf aufbauender Humanismus, dessen Ethik im Diesseits und nicht im Jenseits verankert ist.
„Humanism is a naturalistic view, encompassing atheism and agnosticism as responses to theistic claims, but is an active and ethical philosophy greater than these reactions to religion.“ (British Humanist Association)
Als mögliche Grundlage einer humanistisch-atheistischen Ethik bzw. als Inspiration für eine solche kann – als Gegenentwurf zu den biblischen 10 Geboten – Michael Schmidt-Salomons Entwurf der 10 Angebote des evolutionären Humanismus betrachtet werden. Sie sind strikt diesseitsbezogen und sehen den Menschen als Menschen und nicht als Schöpfung eines imaginären höheren Wesens.
Wie notwendig die philosophische Aufbereitung und Artikulation einer solchen Ethik auch in Luxemburg ist, zeigt sich vor allem anhand gesellschaftspolitischer Konflikte, wie zuletzt zum Beispiel die Debatte um die Depenalisierung der aktiven Sterbehilfe.
Notwendigkeit einer humanistisch-atheistischen Ethik anhand des Beispiels der Sterbehilfe-Debatte
Wieso eine humanistisch-atheistische Ethik so wichtig ist, hat in Luxemburg vor nicht allzu langer Zeit und auf beeindruckende Art und Weise die Debatte um die Depenalisierung der aktiven Sterbehilfe gezeigt. Ausgetragen wurde der Konflikt zwischen der katholischen Kirche, der CSV, dem Luxemburger Wort, dem Großherzog, einigen konservativen Ärzten samt entsprechendem Dunstkreis einerseits, und dem Großteil der Gesellschaft anderseits.
Die Gegner der Sterbehilfe, allen voran die katholische Kirche, beriefen sich bei ihrer Argumentation auf das Evangelium Vitae von Papst Johannes Paul II, das über Sterbehilfe folgendermaßen urteilt: „Die willentliche Entscheidung, einen unschuldigen Menschen seines Lebens zu berauben, ist vom moralischen Standpunkt her immer schändlich und kann niemals, weder als Ziel noch als Mittel zu einem guten Zweck gestattet werden. Sie ist in der Tat ein schwerer Ungehorsam gegen das Sittengesetz, ja gegen Gott selber, seinen Urheber und Garanten; sie widerspricht den Grundtugenden der Gerechtigkeit und der Liebe.“ Wieso dem so sein soll, erfährt man jedoch nicht.
Die Kirche in Luxemburg argumentiert ebenfalls in diesem Sinne: „Als Geschenk Gottes ist das Leben der freien Verfügungsgewalt des Menschen entzogen“ (cathol.lu 18.12.07). Und weiter heißt es dort, alles menschliche Leben sei ein Geschenk Gottes, kein Produkt blind ablaufender Naturprozesse, sondern von Gott nach seinem Ebenbild erschaffen. Aus dieser Ebenbildlichkeit entspringe die menschliche Würde. In anderen Worten bedeutet dieser Verweis auf die Schöpfungslehre, die übrigens seit längerem wissenschaftlich widerlegt ist (siehe Evolution), dass die menschliche Würde zu schützen sei, um Gottes Schöpfung zu ehren, und nicht etwa den Bedürfnissen des Menschen wegen, wie es uns die Vernunft lehren würde.
Die Position der Kirche baut nicht auf dem Wesen und den Bedürfnissen des Menschen auf, sondern auf unbegründbaren religiösen Vorstellungen, in anderen Worten auf Phantasieerzeugnissen. In Fragen, die Leben und Sterben des Menschen betreffen, wäre es – und das ist unsere Überzeugung – wesentlich vernünftiger, auf eine Ethik zurück zu greifen, die auf dem gemeinsamen Wesen aller Menschen beruht und mit Vernunft fassbar ist. Es wäre wesentlich vernünftiger, unsere Werte und damit auch die Würde des Menschen aus der menschlichen Natur abzuleiten, daher aus unseren körperlichen wie geistigen Grundbedürfnissen, die, im Gegensatz zum Glauben an die Schöpfungsgeschichte, allen Menschen zugrunde liegen.
Die Eigenschaften der menschlichen Würde stehen nirgendwo von Gott eingemeißelt, sie werden vielmehr durch die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen definiert. Folglich kann es jene Menschen geben, deren Würde darin besteht, bis zum letzten Atemzug im Leben auszuharren, und jene, die sich aufrecht und bei klarem Verstand verabschieden wollen. Die Würde des Menschen hoch zu halten, heißt, dem Willen beider Auffassungen, sprich der menschlichen Selbstbestimmung, Respekt zu zollen. In der Frage um die Würde des Menschen am Ende seines Lebens hat sich glücklicherweise die Vernunft durchgesetzt: das Gesetz über die aktive Sterbehilfe konnte zum 16. März 2009 in Kraft treten.
Trotzdem bleibt viel zu tun! Mit den Fragen nach der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Menschen, des Schwangerschaftsabbruchs, Frauenrechten im Allgemeinen, u.s.w., bestehen in Luxemburg noch etliche gesellschaftspolitische Großbaustellen. Dass diese nicht konsequent angepackt werden, liegt einerseits am Widerstand der christlich-konservativen Hegemonie, zum anderen an erheblichen strukturellen und programmatischen Defiziten, die das religionskritische Lager bis heute geprägt haben.
AHA Letzebuerg will dazu beitragen, die konservative Vormachtstellung anzufechten und eine konsequente Interessenvertretung für all jene Menschen zu gewährleisten, die gesellschaftlichen Fortschritt wünschen.
Ethik - frei von Dogmen

„Mit oder ohne Religion werden sich gute Menschen gut verhalten
und schlechte Menschen werden Böses tun.
Aber der Beitrag der Religion in der Geschichte war,
es guten Menschen zu erlauben, Böses zu tun.“
Steven Weinberg, Physiker und Kosmologe
Die Werte jeder Gesellschaft gewährleisten ihren Zusammenhalt. Um diesem Anspruch zu genügen, bedarf es eines gemeinsamen Wertefundaments. Eben daran scheitern die Weltreligionen seit jeher: Sie spalten die Gesellschaft aufgrund jahrhundertealter Dogmen und Märchen.
Was uns alle verbindet ist das Menschsein. Ein naturwissenschaftliches Weltbild, das die menschlichen Bedürfnisse in ihrer Wirklichkeit zu erfassen vermag ist dazu in der Lage, eine universelle humanistische Ethik zu begründen, die den Ansprüchen nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit aller Menschen Rechnung trägt. Mehr lesen!
Diese Philosophie wollen wir von A.H.A. Lëtzebuerg schützen und fördern!



